Berufsbezeichnung – Entrepreneur?

Entrepreneur ist keine Berufsbezeichnung. Es ist die Geisteshaltung von Menschen, die die Zukunft verändern möchten., meint Guy Kawasaki (Nicht-CEO bei Yahoo! & Venture Capitalist), und kommt damit – meiner Meinung – der Wahrheit schon ziemlich nahe. Doch was unterscheidet einen Entrepreneur von einem Unternehmer und wo ist der Rest von uns?

First

Genau darüber zu schreiben, haben die Blögger-Initiative und der Mingo Coworking Space -  im Rahmen einer Blogparade – eingeladen. Eine Aufforderung, der ich einfach nicht wiederstehen kann, genauso wie einem Frühstück mit Prof. Dr. Günter Faltin!

„Bevor man sich einschlägigen Förderprogrammen, Serviceleistungen, Ratgeberliteratur und Weiterbildungen widmet, wäre es für alle Beteiligten ein Gewinn, das Subjekt des Unternehmers/der Unternehmerin einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, um ein zeitgemäßes Bild davon zu entwerfen, was es für einen persönlich heißt, zu gründen und sich selbständig zu machen, Unternehmer bzw. Entrepreneur zu sein“.

Begriffsverwirrungen?

Der deutschsprachige Raum wird durch den  “Unternehmer“- und “Unternehmertum“-Begriff bestimmt. Diese haben jedoch eine andere Bedeutungswurzeln, als die im angloamerikanischen Raum gängigen Bezeichnungen  “Entrepreneur” und “Entrepreneurship“. Eine Gleichstellung dieser Begriffe ist unpräzise und trifft nicht den Kern der Sache. Unternehmertum wird meistens mit Problemen der klassischen Betriebwwirtschaftslehre gleichgesetzt.

Die einzig legitime begriffliche Annäherung aus der deutschen Sprache an den “Entrepreneur” ist aus meiner Sicht der “Unternehmergeist“. Unternehmergeist und Entrepreneurship sind Geschwister – sie erzeugen durch Innovation und Handeln Wirkung, schaffen Zukunft und blicken weit über das reine Management von unternehmerischen und gesellschaftlichen  Gelegenheiten (Opportunities) hinaus.

Schau mir in die Augen …

Was bedeutet dies für die Persönlichkeit der Entrepreneure? Welche Charaktereigenschaften muss ein erfolgreicher Entrepreneur/ Unternehmer haben?

Die Forschung hat lange Zeit nach den Schlüsselpersönlichkeitseigenschaften (trait models) von Entrepreneuren gesucht. Würde man die verschiedenen Ergebnisse in einer Liste darstellen, so wäre eine unüberschaubare Anzahl an Charaktereigenschaften das Ergebnis und Entrepreneure die sprichwörtliche “eierlegende Wollmilchsau”. Das frustriert nur.

Thomas Thaler (“Was ist ein Entrepreneur?“) hat eine dieser Eigenschaften glasklar erkannt. Er meint eine Charaktereigenschaft von Unternehmern ist, dass sie

Fähig und willens sind, an sich selbst zu glauben.

Für erfahrene Entrepreneure sind drei grundlegende Eigenschaften ausschlaggebend. Sie sind selbstwirksam, kreativ und anpassungsfähig.

Selbwirksamkeit geht darüber hinaus “nur” an sich selbst zu glauben. Sie liefert dem Entrepreneur das nötige Selbstvertrauen, den Glauben an sich selbst, an die eigenen Fähigkeiten, die Möglichkeit, sich zu motivieren, die Fähigkeit, seine geistigen Mittel und sein Handeln so einzusetzen, dass eine bestimmte Wirkung und einmal geschaffene Ziele überhaupt erst erreicht werden können. Zunehmende unternehmerische Erfahrung ist dabei ein positives Dopping auf höchstem Niveau – mit dieser Erfahrung erklärt sich auch, warum Unternehmergeist anders denkt. Gehen Sie durch die Strassen ihrer Stadt, schauen Sie in die Augen der Menschen. Wie viel Glauben an sich selbst können Sie in den Augen dieser Menschen erkennen?

Kreativität kann in der Wichtigkeit nicht oft genug betonnt werden. Kreativität ist für jeden verfügbar und muss nicht angeboren oder genetisch vererbt sein. Erfahrene Entrepreneure haben eine kreative Expertise erworben. Sie nutzen ihre Kontakte, Netzwerke und ihr Wissen besser und kreativer. Sei es als Unternehmer, Vereinsgründerin, Freiwilliger, Projektinitiatorin … eben als Entrepreneur. Und: Kreativität ist lernbar!

Schließlich ist Anpassungsfähigkeit notwendig, um neue Kontakte zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen, (potenzielle) Stakeholder zu managen und diese an das eigene und gemeinsame Unterfangen zu binden. So ist der erste Schritt bei einer neuen Unternehmung der Griff zum Telefonhörer und der Anruf bei den Menschen, die man in seinem Netzwerk versammelt hat und nicht das Öffnen von Word und Excel für den Business Plan.

Heinz-Peter Wallner schreibt treffend in seinem Blogbeitrag “Heureka, ich bin UnternehmerIn! Warum auch nicht” …

UnternehmerInnen unterscheiden sich genetisch genau so viel bzw. genau so wenig vom Affen wie alle anderen Menschen auch.

Entrepreneure und Menschen mit Unternehmergeist handeln, setzen um und sind Macher. Menschen mit unternehmerischer Expertise sind Sucher und Entdecker und haben dabei eine hohe Urteils- und Entscheidungskraft . Im gleichen Blogbeitrag ist es auf den Punkt gebracht, es ist die Enthemmung zur Tat.

Viele Risikokapitalgeber teilen diese Ansicht, dass es Ideen wie Sand am Meer gibt und nur die Fähigkeit zum Umsetzen das ist, was zählt. Ein Beispiel dazu liefert Y-Combinator, eine amerikanische Venture-Capital-Gesellschaft, die im Internet 30 Ideen veröffentlich hat, die durch Interessierte weiterentwickelt werden sollen, wie Paul Graham unter der Überschrift “Startups, die wir gerne finanzieren würden” schreibt. Natürlich nicht ganz uneigennützig – aber wo sind die Menschen die Handeln, wo sind die Entrepreneure?

Ebenfalls spannend sind die Überlegungen, die Heinz-Peter Wallner, über den Umgang mit der Freiheit anstellt. Hier möchte ich nicht in die Tiefe gehen, da aber Entrepreneurship – wie auch Leadership (Führung) – oft mit Paradoxien zu tun hat, möchte ich den Umgang mit der Freiheit, um den Umgang mit Disziplin des Entrepreneurs ergänzen. Sie ist schlichtweg notwendig, egal ob Unternehmerin, Entrepreneur, Managerin oder Mitarbeiter, um langfristig erfolgreich zu werden und zu bleiben.

Entrepreneurship ist auf jeden Fall der Begriff den ich bevorzuge, da er  sich eben nicht alleine mit betriebswirtschaftlichen Vorgängen und Problemen beschäftigt. Auch die Frage, wer wie unternehmerische Gelegenheiten entdeckt ist für mich weniger relevant, als die Frage, wie unternehmerische Gelegenheiten geschaffen und co-kreiert werden.

Was zeichnet  nun Unternehmer/ Entrepreneure aus, was unterscheidet sie von anderen?

Die Frage muss anders gestellt werden: Wer kann kein Entrepreneur sein? A-priori kann man niemanden ausschließen – das gibt Hoffnung.

Gesellschaftlich von Relevanz?

Entrepreneurship ist nicht nur sexy und modern, sondern hat eine gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. Die Relevanz ergibt sich für mich durch einen Blick in die Klassiker der großen Denker und Praktiker – wie z. B. Richard Cantillon, Adam Smith, Joseph A. Schumpeter, Irsael M. Kirzner, Frank H. Knight und Peter Drucker.

Verkürzt: Entrepreneure sind Menschen, die unternehmerische Gelegenheiten nicht nur erkennen, sondern auch schaffen können, die Risiko in verschiedenen Variationen eingehen und so Veränderungen erzeugen. Sie sind somit wichtige Gestalter in gesellschaftlichen Veränderungs- und Gleichgewichtsprozessen. Will man diese Potentiale nutzbar machen, so bedeutet dies – gerade auch für Österreich – die notwendige Entwicklung von einer standesgesellschaftlich organisierten Gemeinschaft hin zu einer unternehmerischen Gesellschaft.

Unternehmerische Gesellschaften

Wo werden unternehmerische und gesellschaftliche Gelegenheiten geschaffen?

Dort, wo Entrepreneure, Zukunftsmacher und positive Veränderer zu finden sind. Dies ist natürlich für politische Entscheidungsträger relevant und oft unbequem. Denn der Schluss liegt nahe, dass man nicht unbedingt darauf vertrauen sollte, dass in der eigenen wirtschaftlichen und geographischen Region “die Entrepreneure” wohnen – oder sich verstecken – die die Welt verändern. Dafür sind entsprechende Rahmenbedingungen notwendig. Standortbezogene Maßnahmen greifen hier zu kurz und werden keine Entrepreneure “machen”. So müssen aktiv Gelder für eine Entrepreneurship Education (z. B. IFTE) – auch schon junger Menschen – zur Verfügung gestellt werden, damit diese ihre eigenen und die regionalen Mittel und Ressourcen nutzbar machen können.

Fasst man den Personenkreis wesentlich breiter – und schliesst eben niemanden aus – so bedeutet dies vor allem eine Unterstützung zu mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung der Menschen, mit ihren verschiedensten Erfahrungen, unterschiedlichsten Lebenslagen und vielfältigsten Vorstellungen einer möglichen Zukunft – schon ab dem Kindesalter. Dies kann den Grundstein für ein zukünftiges “Wachstum” legen, das auf Nachhaltigkeit und Achtsamkeit fußt. Ein Kampf rein um neue Technologien und Standorte für Technologie- und Gründerzentren als Garant für Innovation greift zu kurz – die Bemühungen um die Menschen  und deren Potenziale ist viel wichtiger.

So ermöglicht die Wissenschaft technologische Artefakte (Telefone, Computer, Raumschiffe), Entrepreneurship soziale und wirtschaftliche Artefakte (Märkte, Produkte, Unternehmen). Erst dadurch werden unternehmerische und gesellschaftliche Gelegenheiten (Opportunities) gefunden und wirklich nutzbar gemacht – solche, die nicht nur davon abhängen, dass technologische Innovationen von einer Region in die andere transferiert werden.

Betrachtet man Entrepreneurship als Methode, so ist sie dazu geeignet, die menschliche Natur zu entfesseln und damit auch die eigene Bestimmung selbst zu gestalten und zu verändern. Opportunities werden eben nicht nur gefunden, sondern vor allem gemacht und geschaffen – dort, wo Entrepreneure sind  - bisher kein Ruhmesblatt der österreichischen Politik und Gesellschaft! Eine meiner Hoffnungen sind hier Mitbürger mit Migrationshintergrund und wie es Apple in seiner berühmten “Think different!“-Kampagne bezeichnet:

… The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes. The ones who see things differently. They’re not fond of rules. And they have no respect for the status quo. …

Deshalb begeistern mich österreichische Initiativen – wie z. B. die WeissSee-Initiative  für “Startups for a sustainable future” und die Initiative für Teaching Entrepreneurship – die abseits der bank-, förder- und gründerzentrengetriebenen Wege wandeln und schaffen, besonders.

Ein bißchen Eigenwerbung sei an dieser Stelle auch erlaubt! Genau diesem Thema – warum Unternehmgeist anders denkt – widme ich mich in meinem Buch “Effectuation – Unternehmergeist denkt anders!” (das Inhaltverzeichnis zum Gustieren). Hier hat die Österreichische Marketing-Gesellschaft, IP Österreich und der echomedia Verlag nicht nur Vertrauen in mich und meine Gastautoren (Hannes Offenbacher und rudolf greger) gezeigt, sondern vor allem Unternehmergeist!

In meinem Buch beschreibe ich nicht nur, wie Entrepreneurship als Methode genutzt werden kann, sondern warum gerade erfahrene Entrepreneure durch Effectuation anders denken und handeln können als Manager und viele unerfahrene Gründer. Der Lichtblick dabei ist, dass Entrepreneurship in diesem Sinn lehrbar ist und man gerade dadurch von den Erfahrungen und Denkmodellen der unternehmerischen Experten profitieren kann. Jedenfalls mit erweiterten Denkmodellen, als es uns die klassische Entrepreneurship- und Management-Literatur lehrt.

Es gibt mittlerweile eine wachsende Zahl an guter und vor allem erfrischend unortodoxer Entrepreneurship-Literatur, aber vor allem auch von Büchern, die wichtige Inputs zum Thema Unternehmergeist liefern können. Folgende Bücher kann ich wärmstens empfehlen …

Weiteren Lesestoff finden Sie in meinen Buchempfehlungen!

Übrigens: Das wichtigste und oft schwierigste ist – so einfach es klingt – der Sprung in das kalte Wasser!

Blogparade Entrepreneurship

Hier die gesammelten Beiträge zur Mingo Blogparade zum Thema Entrepreneurship.

  1. Thomas Thaler: Was ist ein Entrepreneur?
  2. Heinz Peter Wallner: Heureka, ich bin UnternehmerIn! Warum auch nicht?
  3. Marcus Ambrosch: Berufsbezeichnung – Entrepreneur?
  4. Hannes Offenbacher: Die Entscheidung. Das Schwert des Entrepreneurs
  5. Gerhard Wehe: Soziologische Perspektiven
  6. Cornelia Daniel: Entrepreneurship und das halb volle Glas
  7. Nicole Arnitz: Entrepreneurship. Leidenschaft in ihrer reinsten Form.
  8. Cornelia Bredt: Entrepreneurship – Unternehmen Zukunft
  9. Manuel Gruber: Entrepreneurship 2010 – Warum die Old Economy nervt und die wahren Stars Surfshorts tragen
  10. Johanna Kriks: Kreativität, Leidenschaft und Vertrauen – über die Lust am Unternehmertum
  11. Franz Kühmayer: Entrepreneurship beginnt im Bildungssystem
  12. Valentin Heppner: Wer ist ein/e EntrepreneurIn?

Hier der 13. Beitrag von Johannes Lindner (unter “Diskussion”): Entrepreneurship verknüpft „Lernen“ mit „Wollen“ oder mit Entrepreneurship-Education einen Beitrag zu einer verantwortenden Gesellschaft leisten

Weitersagen!

  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • StumbleUpon
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • Posterous
  • Tumblr
  • MisterWong.DE
  • Webnews.de
  • Print
  • email
  • PDF

Weitere passende Artikel:

  • Berufsbezeichnung – Entrepreneur?
  • Unternehmergeist für viele – raus aus Euren Honigwaben!
  • “Unternehmer sind Künstler!”
  • Tags: , ,

    Noch keine Kommentare.

    Hinterlassen Sie einen Kommentar